Umgang mit Tod und Trauer im Arbeitsalltag

Aktualisiert: 14. Juli

... und wenn dann plötzlich alles anders ist ...


Ich erinnere mich noch gut an jenen Februarmorgen, an dem ich an meinen Arbeitsplatz in der Schule kam. ...irgendwie habe ich vom Suizid des Schülers gehört. ...und wie es passiert sein sollte. ..und was noch alles passiert sei...


Nervosität plagte mich, war ich doch die Lehrperson, die die erste Stunde in der betroffenen Klasse hatte. Ich wusste mir keinen Rat und das Schweigen im Konferenzzimmer machte es nicht leichter. Es nahm mir den letzten Mut, nachzufragen, wie ich denn jetzt tun soll. Wie ich in die Klasse hineingehen soll, ... wie es weitergeht.

Schlussendlich habe ich mich überwunden und doch nachgefragt, wie wir jetzt in dieser Situation tun? "Wir machen weiter, wie bisher, auf Anweisung des Chef."


Aha?!

Wie bisher? Das ging nicht. Zumindest in meinem Kopf nicht. Wusste ich doch, was passiert war. Und wie es den Schüler*innen in der Klasse wohl ging? Noch heute spüre ich den Schmerz und die Ohnmacht, die mir damals durch den Körper jagten.


Ich ging also - bewaffnet mit der Sprachlosigkeit jener Momente - in das Klassenzimmer. Es brannte da wohl eine Kerze, aber der Tisch, der Stuhl waren schon weg. Das tat weh.

Und jetzt? Guten Morgen? Gut?

Ich ging einfach mal schweigend an den Platz des Verstorbenen und nennen wir es beten. Ich betete. Still. Das schaffte mir Raum und Zeit. Dann blickte ich auf zu den Anwesenden. Es waren dann zum Glück die Jugendlichen, die das Schweigen brachen. Die mir zeigten was sie brauchten.

Und das war nicht viel: Sie wollten einen Raum - für sich: zum Reden, zum Weinen, zum Fragen, Zuhören,... Aber es wurde ein neues Schweigen: ein Schweigen, das uns verbunden hat. (Bis heute!)

Heute noch bin ich dieser Klasse dankbar. Dankbar für diese schmerzhafte Erfahrung, durch die wir gemeinsam mussten. Dankbar für die Erfahrung, denn sie haben mir gezeigt, wie wertvoll es ist, in solchen Krisenzeiten einfach Zeit zu haben, füreinander da zu sein.

Es hätte aber nicht soweit kommen müssen. Wäre ich durch die LehrerAusbildung oder Krisenleitfaden auf diese Situation vorbereitet gewesen.

Krisen, Tod, Krankheit oder andere Schicksalsschläge gehören zum Leben dazu. Auch zum ArbeitsLeben. Vieles davon erTragen die Mitarbeiter*innen im Stillen, für sich. Manchmal da braucht es aber die unterStützende Rolle der Führungsperson - damit aus HilfLosigkeit nicht SprachLosigkeit wird!


Du liest immer noch? Du bist in einer Führungsposition und du möchtest für deine Mitarbeiter*innen in >allen< Lebenslagen da sein?

Hier einige Tipps für herausfordernde Situationen:


Anteilnahme

Anteilnahme bedeutet, dass du ohne große Worte bei deinem Team bist und den Betroffenen Zeit, Mitgefühl und Geduld schenkst. Wir sind es nicht mehr gewohnt, miteinander zu Schweigen. Gerade in einer Trauer- oder Schocksituation kann dies aber ein großes Geschenk sein, schweigend zusammen zu stehen.

Nimm als Führungsperson das Ruder in die Hand und gib deinen Mitarbeiter*innen diese Zeit. Unterstütze das Team in dieser Situation.

Und noch ein Hinweis: nimm es nicht persönlich, wenn dich trauernde Personen abweisen. Sie sind vielleicht noch nicht so weit, um auf dein Angebot einzugehen. Versuche es einfach zu einem späteren Zeitpunkt wieder.


Ehrlichkeit

Trauernde haben ein untrügliches Gefühl dafür, was ehrlich gemeint ist oder nur floskelhaft dahingesagt wird. Du musst keine perfekten Worte für die Situation finden. Wenn du unsicher bist und nicht weißt, was zu sagen, dann sprich es aus. Das zeigt dein Mitgefühl. Jede*r kann nachvollziehen, dass es schwer ist. Und Trauernde sind ja genauso überfordert, die Situation zu verstehen und zu begreifen.


Entlastung

Frag die Betroffenen, was sie jetzt im Moment brauchen. Gib ihnen die Zeit die notwendig ist. Vertraue darauf, dass deine Mitarbeiter*innen die Zeit für ihre Trauer auch sinnvoll einsetzen - sprich die >verlorene Arbeitszeit<.

Was braucht das Team um gut weiter zu können? Wie viel Zeit?

Wie können die Aufgaben gut aufgeteilt werden, was kann warten? Vielleicht gibt es auch die Möglichkeit, etwas kurzfristig auszulagern?

Ein offenes Gespräch schafft für alle Entlastung, das falsche Erwartungen erst gar nicht aufkommen können bzw. reduziert werden. Gerade wenn Aufgaben der verstorbenen Person übernommen werden müssen, fehlt manchmal das Verständnis und Abwehr und Wut kommen ins Spiel. Hier hilft das offene Gespräch Transparenz zu schaffen und das Team in die Entscheidungsfindung mit einzubinden.

Achte auch darauf, dass gerade Arbeit an gefährlichen Geräten oder Maschinen in der ersten Zeit nach dem Todesfall ein erhöhtes Risiko darstellen können.


Entscheidungen

Wie im oberen Punkt erwähnt, hilft es allen Beteiligten in Offenheit und Transparenz zu kommunizieren. So sollen alle Entscheidungen und Veränderungen mit dem Team besprochen werden: Was geschieht mit den Aufgaben? Dem Arbeitsplatz? Den Unterlagen? Wer räumt den Arbeitsplatz der Verstorbenen Person auf - inklusive den persönlichen Utensilien? Wer übergibt diese den Angehörigen?

Je besser diese Abläufe besprochen und geführt werden, desto besser verarbeiten ihre Mitarbeiter*innen die Trauer. Zu frühes Funktionieren lähmt und erschwert den Trauerprozess und den Menschen.


Kontakt

Sei präsent. Das Team soll wissen, dass du als Führungsperson für sie da bist. Sie dürfen auch wissen, wann du dich zurückziehst und nicht erreichbar bist - auch weil du gut auf dich selbst und deine inneren Prozesse achten musst.


Ich habe hier ein anspruchsvolles Thema gewählt, über das zu Schreiben viele Seiten füllen kann. Trauer ist eben sehr individuell.

Das habe ich mit meiner Schulklasse gelernt. Im Laufe des Schuljahres haben wir gemeinsam verschiedene Stadien der Trauer durchgemacht: wir haben gemeinsam geweint, manche waren wütend, andere fanden keine Worte, manche eine*r fand tröstende Worte, und: wir haben auch gelacht. Denn wir haben mit dem Verstorbenen auch einen Menschen verloren, der uns das Lachen gezeigt hat.

So ist Trauer: alle Gefühle, ganz nah zusammen, schnell wechselnd und sehr individuell.



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Du hast Fragen oder Anregungen? --> in den Kommentaren oder vertraulich!

Und: ich unterstütze dich und dein Team gerne beim Erstellen eines individuellen Krisenleitfadens für deinen Arbeitsplatz.


Für die lernende Seele hat das Leben auch in den dunkelsten Stunden einen unendlichen Wert. (Immanuel Kant)









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