Wenn Männer fühlen - und nicht wissen wohin damit...
- Bernhard Dünser Cafe am Waldrand

- vor 3 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
„Der Arzt findet nichts.“
Ralph,39, schreibt mir, dass der Arzt ihn zu mir schickt. Er kommt mit körperlichen Symptomen:
Druck auf der Brust
Schlafprobleme
ständige innere Unruhe
Medizinisch ist alles abgeklärt. Ohne Befund. Er ist gesund.
Er sagt zu mir im Coaching:„Ich verstehe das nicht. Eigentlich passt alles.“
Im Gespräch zeigt sich: Neuer Job, hohe Erwartungen, wenig Sicherheit. Gleichzeitig das Bedürfnis, stark und souverän zu wirken.
Was passiert? Unsicherheit wird nicht gezeigt. Überforderung wird nicht benannt.
Stattdessen: Anspannung halten. Funktionieren.
Der Körper beginnt zu reagieren. Nicht als Störung, sondern als Signal.
„Seit mein Vater gestorben ist, bin ich irgendwie… anders.“
Ralph ist 46 und kommt einige Monate nach dem Tod seines Vaters. Er beschreibt sich selbst als „funktionierend“.
Er arbeitet. Er kümmert sich um die Familie. Er regelt alles. Es läuft.
Und gleichzeitig sagt er:„Ich bin schneller gereizt. Ich ziehe mich zurück. Meine Partnerin sagt, ich bin nicht mehr richtig da, so kann es nicht mehr weitergehen.“
Auf die Frage nach Trauer reagiert er irritiert:„Ich habe doch alles im Griff.“
Im Verlauf wird deutlich: Ralph hat nie wirklich getrauert. Keine Tränen. Kein Innehalten. Kein bewusster Abschied.
Stattdessen: Organisation, Verantwortung, Kontrolle.
Sein System hat funktioniert –aber den Verlust des Vaters nicht verarbeitet.
Die „Reizbarkeit“ ist kein Zufall. Sie ist ein Ausdruck von gebundener Trauer, die keinen Raum bekommen hat.
Was diese Fälle gemeinsam haben
Beide Männer erleben etwas Emotionales –Verlust, Unsicherheit, Druck.
Beide haben keinen bewussten Zugang dazu.
Und beide Systeme wählen eine bekannte Strategie:
Funktionieren
Kontrollieren
Regulieren statt fühlen
Das Problem ist nicht das Gefühl. Das Problem ist hier die fehlende Integration. Und das Problem ist auch, dass Männer schon früh lernen, ihre Emotionen zu unterdrücken statt zu regulieren. Was das für ein Leben bedeutet? Die Folgen kannst du aus den oberen Beispielen von den beiden Ralphs herauslesen...
Einordnung: Emotion vs. Emotionsregulation
Aus fachlicher Sicht lohnt sich eine klare Unterscheidung:
Emotion: das unmittelbare innere Erleben (z.B. Trauer, Angst, Wut). Aus neurosystemischer Sicht ist eine Emotion ein integrativer Prozess aus neuronaler Aktivierung, körperlicher Zustandsveränderung und subjektiver Bedeutungszuschreibung, der aus der Wechselwirkung von Nervensystem, Erfahrung und aktueller Situation entsteht. Sie dient als orientierendes Signal, das Verhalten steuert, indem sie Wahrnehmung, Handlungstendenzen und soziale Kommunikation in einem kohärenten Muster organisiert.
Emotionsregulation: aus neurosystemischer Sicht ist Emotionsregulation ein dynamischer Abstimmungsprozess zwischen autonomen Zuständen des Nervensystems, körperlichen Signalen und inneren Bedeutungszuschreibungen, der sowohl implizit (über somatische Marker und neuronale Muster) als auch explizit (über bewusste Wahrnehmung und Sprache) organisiert ist. Entscheidend ist dabei nicht die Unterdrückung von Emotionen, sondern die flexible Fähigkeit des Systems, zwischen Aktivierung und Beruhigung zu pendeln und Erfahrungen in einem integrierten Zustand von Körper, Gefühl und Kognition zu verarbeiten.
Männer sind nicht „gefühllos“. Sie sind hochgradig "angespannt".
Damit möchte ich sagen, dass Gefühle schnell verschoben, gedämpft oder überdeckt werden – oft automatisiert und unbewusst. So wie es ihnen eben beigebracht wurde.
Typische Strategien:
kognitive Kontrolle („Ich muss funktionieren“)
"Flucht" in die Aktivität oder Leistung
Rückzug
Reizbarkeit (als sekundäre Emotion)
Diese Strategien funktionieren irgendwann nicht mehr. Aber sie erfüllten einen Zweck. Sie waren ein Überlebensmechanismus, jedoch verhindern sie die langfristig Verarbeitung von Emotionen.
Die Rolle von Sozialisation und inneren Modellen
Viele dieser Muster sind erlernt.
Implizite Botschaften wie:
„Reiß dich zusammen“
„Sei stark“
„Zeig das nicht“
führen zu inneren Arbeitsmodellen (Überlebensmechanismen), in denen bestimmte Gefühle keinen Platz haben.
Besonders betroffen sind Männer in folgenden LebensSituationen:
Trauer oder Weinen wird als Schwäche interpretiert
Angst oder Unsicherheit als Schwäche und Gefahr für das Selbstbild
Scham und beschämende Momente werden vermieden statt integriert - die Scham ist oft ein Gefühl, das in einem früheren Entwicklungsalter stecken geblieben ist
Emotionen und Gefühle die unausgesprochen bleiben erzeugen unweigerlich Hilflosigkeit. Was zurückbleibt ist dann oft eine Wut – als sozial akzeptierter Ausdruck von Männlichkeit. Im Gegenzug wird Mädchen Wut abtrainiert... mit fatalen Folgen für Männer UND Frauen!
Der Körper als Regulationsorgan
Wenn emotionale Prozesse nicht bewusst integriert werden, übernimmt häufig der Körper:
vegetative Aktivierung (Unruhe, Schlafprobleme)
muskuläre Spannung
diffuse Schmerzen
Das ist keine Fehlfunktion. Es ist ein Regulationsversuch des Nervensystems.
Im Sinne der neurobiologischen Perspektive (z.B. autonome Zustände) lässt sich das als anhaltende Aktivierung ohne Entladung verstehen.
Musterunterbrechung: Was tatsächlich hilft
Veränderung entsteht nicht durch „mehr Kontrolle“. Sondern durch andere Erfahrungen.
Zentrale Ansatzpunkte:
Wahrnehmung differenzieren
Was genau ist da? (nicht nur „Stress“, sondern z.B. Trauer, Unsicherheit)Körper einbeziehen
Signale ernst nehmen statt wegdrückenBenennen statt bewerten
Sprache schafft ZugangKontakt halten
mit sich selbst und mit anderen, auch bei unangenehmen ZuständenDosierung
Gefühle müssen nicht „überwältigend“ sein, um wirksam verarbeitet zu werdenFazit
Männer scheitern nicht an ihren Gefühlen.
Sie scheitern oft am Zugang.
Was ihnen fehlt, ist nicht Stärke. Sondern ein Raum, in dem innere Prozesse bewusst erlebt und integriert werden können.
Denn das, was sich im Körper zeigt,hat immer eine Geschichte.
Und diese Geschichte will nicht kontrolliert werden. Sie will verstanden werden.
Wenn du dich in diesen Beschreibungen wiedererkennst und merkst, dass du zwar funktionierst, aber innerlich wenig Zugang hast, dann ist das ein sinnvoller Zeitpunkt, genauer hinzuschauen. In meinem MännerCoaching arbeiten wir strukturiert und lösungsorientiert daran, wieder Kontakt zu dem herzustellen, was in dir wirkt – ohne Druck, ohne Pathologisierung, aber mit Klarheit. Es geht nicht darum, jemand anderer zu werden, sondern darum, dich selbst besser zu verstehen und handlungsfähig zu bleiben, auch in herausfordernden Phasen. Wenn das für dich stimmig klingt, kannst du den nächsten Schritt setzen.
Im Leistungssport ist es selbstverständlich, dass selbst die Besten einen Coach an ihrer Seite haben, um blinde Flecken sichtbar zu machen und ihr Potenzial gezielt zu entwickeln. Genau dieser Perspektivwechsel von außen ist auch für Männer im Alltag entscheidend, wenn sie nicht nur funktionieren, sondern sich in herausfordernden Phasen klar und wirksam ausrichten wollen.








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