top of page

Toxisch? Oder einfach (nur) verletzt?


"Toxisch."

Kaum ein Wort wird heute so schnell verwendet, wenn Beziehungen schwierig werden. Mit kaum einem Wort kann mehr Reichweite in sozialen Medien erzielt werden als mit diesem:

"Toxisch."

Der toxische Mann. Die toxische Frau. Die toxische Beziehung.

Aber was bedeutet das eigentlich?

Letzte Woche war ich zum zweiten Mal zu Gast beim Podcast "What truly matters." Genau zu diesem Thema... ein paar Gedanken und zum Schluss die Links zum Nachhören möchte ich hier teilen.

Viel Freude beim Lesen. Gute Ideen für deine Beziehung(en).


Was in Beziehungen passiert, wenn unsere Schutzstrategien die Beziehung übernehmen

Nicht jeder Streit ist toxisch. Nicht jeder Rückzug. Nicht jede starke Emotion. Und auch nicht jedes Verhalten, das uns verletzt.

Menschen verletzen sich in Beziehungen. Das gehört zum Menschsein.

Problematisch wird es, wenn daraus ein wiederkehrendes Muster entsteht:

  • Kontrolle

  • Abwertung

  • Manipulation

  • Liebesentzug

  • Schuldzuweisungen

  • Grenzüberschreitungen

  • Einschüchterung.

Wenn dadurch in der Beziehung eine*r oder beide zunehmend ihre Selbstachtung, Freiheit oder emotionale Sicherheit verlieren. Dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Nicht nur auf den anderen.

Sondern auf das, was dazwischen, zwischen euch passiert.


Hinter vielen schwierigen Verhaltensweisen steckt ein Schutz

Eine Frau kontrolliert ihren Partner vielleicht nicht, weil sie grundsätzlich kontrollierend ist.

Vielleicht hat sie Angst, ihn zu verlieren.

Ein Mann zieht sich vielleicht nicht zurück, weil ihm seine Partnerin egal ist.

Vielleicht fühlt er sich gerade überfordert, beschämt oder nicht gut genug.

Das erklärt das Verhalten. Aber es entschuldigt es nicht.

Hier liegt ein entscheidender Unterschied.


Verstehen bedeutet nicht, alles hinzunehmen.

Ich kann verstehen, dass deine Angst dich kontrollieren lässt – und trotzdem sagen:

„Ich möchte nicht kontrolliert werden.“

Ich kann verstehen, dass du dich bei Konflikten zurückziehst – und trotzdem sagen:

„Ich brauche Abstand, aber ich brauche auch die Sicherheit, dass wir später wieder miteinander sprechen.“

Genau dort beginnt Verantwortung.


Was liegt unter dem Verhalten?

Hinter Kontrolle steckt oft Angst.

Hinter Aggression oft Ohnmacht.

Hinter Perfektionismus oft Scham.

Hinter Rückzug oft die Angst vor Ablehnung.

Hinter übermäßiger Anpassung oft die Angst, nicht mehr geliebt zu werden.

Oder hinter dem Satz: „Mir ist alles egal.“

eigentlich:

„Es tut mir zu weh, dir zu zeigen, wie wichtig du mir bist.“

Das macht aus einem problematischen Verhalten kein gutes Verhalten.

Aber es macht es veränderbar.

Denn wenn ich erkenne, was unter oder hinter meiner Reaktion liegt, entsteht eine Wahlmöglichkeit.


Männer und Frauen können in unterschiedliche Fallen geraten

Natürlich sind diese Muster nicht ausschließlich männlich oder weiblich.

Aber unsere Rollenbilder durch die wir sozialisiert sind, beeinflussen, welche Schutzstrategien wir leichter entwickeln.


Ein Mann hat vielleicht gelernt:

Sei stark.

Reiß dich zusammen.

Zeig keine Schwäche.

Löse das Problem selbst.

Und irgendwann wird daraus:

Er spricht nicht über seine Gefühle. Er zieht sich zurück. Er wird hart. Oder er wird aggressiv, wenn er sich ohnmächtig fühlt.


Eine Frau hat vielleicht gelernt:

Sei lieb.

Kümmere dich.

Halte die Beziehung zusammen.

Sei nicht zu fordernd.

Und irgendwann wird daraus:

Sie sagt nicht, was sie braucht. Sie übernimmt zu viel Verantwortung. Sie kommuniziert indirekt. Oder sie versucht, über Schuld, Rückzug oder emotionale Kontrolle Nähe herzustellen.

Beide Verhaltensweisen sind schädigend für Beziehungen. Und beide können verändert werden.


Wie könnte Veränderung konkret aussehen?

Für Männer

Statt:

„Lass mich in Ruhe.“

könntest du sagen:

„Ich merke, dass mir das gerade zu viel wird. Ich brauche eine Stunde für mich. Danach möchte ich weiterreden.“

Statt:

„Du übertreibst.“

könnte es heißen:

„Ich merke, dass deine Reaktion mich gerade überfordert. Ich möchte trotzdem verstehen, was dich so getroffen hat.“

Statt Wut als einzige verfügbare Emotion zu benutzen:

„Eigentlich bin ich gerade nicht nur wütend. Ich bin verletzt und habe Angst, dass ich dir nicht mehr wichtig bin.“

Das ist keine Schwäche.

Das ist emotionale Verantwortung.

Und das auszusprechen stärkt deine Beziehung.


Für Frauen

Statt:

„Wenn du mich wirklich lieben würdest, wüsstest du, was ich brauche.“

könntest du sagen:

„Ich brauche gerade Nähe. Kannst du mir zuhören?“

Statt Rückzug als Bestrafung:

„Ich bin gerade verletzt und brauche etwas Abstand. Aber ich möchte morgen mit dir darüber sprechen.“

Statt Kontrolle:

„Ich merke, dass ich gerade Angst bekomme, dich zu verlieren. Die Angst gehört zu mir. Ich möchte deshalb nicht versuchen, dich zu kontrollieren.“

Das ist ebenfalls emotionale Verantwortung.

***Diese Beispiele gelten sowohl für Frauen und Männer und können beide Geschlechter betreffen.


Und manchmal liegt die Lösung nicht in der Nähe

Das gehört genauso zur Wahrheit.

Nicht jede Beziehung lässt sich durch bessere Kommunikation retten.

Wenn Grenzen wiederholt missachtet werden, wenn Gewalt, massive Kontrolle, Einschüchterung oder systematische Manipulation stattfinden, reicht es nicht zu sagen:

„Wir müssen nur besser miteinander reden.“

Dann braucht es klare Grenzen. Unterstützung. Und manchmal auch die Entscheidung, eine Beziehung zu verlassen.

Selbstreflexion darf niemals bedeuten, dass jemand die Verantwortung für das Verhalten des anderen übernimmt.


Vielleicht brauchen wir weniger „toxisch“ und mehr emotionale Reife

Die interessantere Frage statt: „Wer ist hier toxisch?“ wäre „Was passiert gerade zwischen uns?“

Menschen werden sozialisiert. Als Kind lernen wir auf unsere Umwelt (Familie, ...) zu reagieren und lernen uns durch verschiedenen Verhaltensmuster (Schutzstrategien) zu bewegen. Diese Muster und Prägungen stehen Erwachsenen im Weg und stören Beziehungen. Folgende Fragen können diese Muster aufbrechen:


Was löst das Geschehene in mir aus?

Wovor habe ich Angst?

Wo fühle ich Scham?

Was versuche ich zu kontrollieren?

Wo ziehe ich mich zurück?

Wo passe ich mich an?

Und vor allem:

„Ist das wirklich die Art, wie ich heute leben und lieben möchte – oder ist es eine alte Schutzstrategie, die einmal sinnvoll war?“

Denn wir müssen unsere Schutzstrategien nicht verurteilen. Sie haben uns oft geholfen um in unterschiedlichen Lebenssituationen zu "überleben."

Aber brauchen wir sie heute noch in derselben Form?

Stehen sie uns nicht oft im Weg?


Du musst das nicht alleine herausfinden

Manchmal erkennen wir unsere eigenen Muster erst, wenn jemand von außen mit hinschaut.

Nicht um Schuld zu verteilen. Nicht um zu entscheiden, wer recht hat.

Sondern um sichtbar zu machen, was sich zwischen zwei Menschen immer wieder abspielt.

Im Coaching können wir genau dort hinschauen:

Was passiert (in dir)?

Was fühlst du?

Was brauchst du?

Wovor schützt du dich?

Welche alten Muster laufen automatisch ab?

Und was wäre eine neue, erwachsene Antwort?

Vielleicht ist genau jetzt ein guter Zeitpunkt, darüber zu sprechen.

Nicht weil mit dir etwas nicht stimmt. Sondern weil du deine Beziehung anders gestalten möchtest.

Wenn du merkst: Da gibt es ein Muster, aus dem ich alleine nicht herauskomme, dann komm ins Coaching.
Wir schauen gemeinsam hin. Klar. Vertraulich. Ohne Schuldzuweisung.

Im Cafe am Waldrand – Raum für MännerThemen, Beziehung, Veränderung und das, was sonst oft keinen Platz bekommt.


Zum Nachhören... ich war zu im Podcast von Vanessa Bek und Jamin Roopra-Pfeffer...

#20 Das "starke Geschlecht?" Über Männer, Rollen und innere Konflikte

#21 Die Schatten von Männlichkeit und Weiblichkeit

Toxisch, oder einfach (nur) verletzt? Streit, Rückzug, Konflikt - Wege für eine gelingende Beziehung
Toxisch, oder einfach (nur) verletzt? Wege für eine gelingende Beziehung

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen

Im Cafe am Waldrand entstehen Gespräche über das Leben.


Manchmal ruhig.
Manchmal intensiv.


Aber oft mit einem Ergebnis:


Mehr Klarheit.
Mehr Ruhe.
Mehr Verbindung zu sich selbst.


Glücklich sein.
Ist möglich.

Bernhard Dünser BEd, MA

Systemischer Coach | Supervisor 

© 2024 Cafe am Waldrand | Dünser Bernhard  

    Sichere Website erstellt mit Wix

_edited.jpg

Der nächste Schritt?
Wenn du spürst, dass jetzt ein guter Moment ist, deinen Weg bewusster zu gestalten,
freue ich mich auf deine Nachricht.

Einfach per Mail:​

duenser.bernhard@gmx.at

Adresse

Häleisen 491/2

6952 Hittisau

E-Mail

Tel.

+43 664 4293835

bottom of page